ESOTRONIK

Der Begriff Esotronik setzt sich, unschwer zu erkennen, aus den Begriffen Esoterik und Elektronik zusammen. Der darin enthaltene Begriff der Esoterik bezieht sich auf die Definition des in der griechischen Antike benutzen Wortes esōterikós, was „das Innere“, einen inneren Bereich, bezeichnet. Als Elektronik betrachten, wir im weitesten Sinne alle kommunikationsfähigen elektronischen Geräte.

Durch die voranschreitende Digitalisierung aller Lebensbereiche erschließt sich die Notwendigkeit der Erforschung einer andersartigen Schnittstelle zur digitalen Welt. Die Esotronik befasst sich mit der Erforschung eines Interfaces zwischen dem Unterbewusstseins des Menschen und den digitalen Medien. Das Interface wird mittels pataphysischen Forschungsmethoden, auf welche ich später noch eingehen werde, untersucht. Durch diese Methodik kann sich die Esotronik erlauben, jegliche erprobten Schranken des Denkens umzuwälzen, sowie die Ausnahme als Grundlage anzusehen.
Esotronische Forschung wird im Kollektiv betrieben. Die transmediale, transkulturelle Weiterentwicklung der Theorie basiert auf den Ideen und Entwicklungen eines globalen Netzwerks von Künstlern, Wissenschaftlern und Philosophen. Die Auseinandersetzung mit der Thematik passiert theoretisch und praktisch. Es wird versucht, empirisches Wissen mit esoterischen Methoden zu vereinen, die Welt in einer neuen Dimension zu denken.
Nach McLuhan sind Medien eine Art Körper-„Extension“, sie funktionieren wie ein erweiterter Sinnesapparat. Jedes Medium wird als eine Körperausweitung begriffen. Das Rad sei eine Ausweitung des Bewegungsapparates, Kommunikationsmedien eine Ausweitung spezifischer Sinne. Medien stellen aber nicht nur „Extensions“ dar, -so McLuhan- sie wirken auch amputierend. Jegliche nicht-organischen Erweiterungen des Körpers tragen zu einer Verarmung, des durch Technologie ersetzten, sinnbildlich amputierten Körperteils bei.
Einen Grossteil unseres Lebens verbringen wir vor Bildschirmen, kommunizieren mit Maschinen die Menschen an anderen Orten repräsentieren. Wir nutzten nur einen verschwinden kleinen Teil unseres Sensorensystems, reduzieren uns quasi auf Sehen, Hören und Tasten. Die Esotronik versucht weitere Sensoren hinzufügen, mit dem utopischen Ziel einen Siebter-Sinn-Sensor zu entwickeln, der den Menschen einen Teil seiner physisch-technologischen Unabhängigkeit zurückgeben sollte. Esotronik möchte dazu anregen seinen Begriff von Realität zu erweitern, diesen mit anderen zu Teilen, Gegensätze gemeinsam zu denken und zu überdenken, neue Muster zu entdecken. Auf keinen Fall möchte sie vorgefertigte Ideen und Grenzen präsntieren. Dies grenzt Esorktonik klar davon ab eine esoterische Methode, in der gegenwärtigen Bertachtungsweise, zu sein, auch wenn gewisse Vermittlungsformate durchaus an eine Art Geheimgesellschaft erinnern.

Pataphsyische Forschungsmethoden

Die esotronische Forschung steckt zwar noch in ihren Kinderschuhen, doch sie existiert schon seit geraumer Zeit und verbreitet sich als Idee/Vision. Pataphysisch gesehen basiert jede Art von Weiterentwicklung auf einer kreativen Vorstellung, einer Imagination. Betrachtet man die Welt als Summe ihrer Veränderungen, besteht die Welt quasi nur aus imaginären Lösungen. Die Imagination bildet demnach das Fundament unserer Realität, ohne sie gäbe es keine Ideen, keine Neugierde, keine Erfindungen. Die `Pataphysik ist die Wissenschaft der imaginären Lösungen, sie ist gewissermaßen die Grundlagen-Wissenschaft aller Wissenschaften.
Die Grundlage der meisten pataphysischen Gesetzmäßigkeiten ist die Identität der Gegensätze. Es wird die Identität der Gegensätze behauptet und nachgewiesen, dass diese sich in vollkommener Harmonie befinden. Daraus resultiert, dass es keine Unterschiede zwischen bewusstem Sein und unbewusstem Leben, Gedanken und Tat, Traum und Realität, Gegenwart und Zukunft, Esoterik und Wissenschaft gibt.
Die pataphsischen Termini bilden die Grundlagen für jegliche esotronische Forschung.

Esoterik vs. Wissenschaft

In unzähligen Bereichen der Esoterik werden wissenschaftliche Begriffe angewendet. Die komplexen Ausdrücke werden gerne übernommen, da sie sind als überzeugendes Argument für oft nicht belegbare Theorien anbieten. Aus Sicht der Wissenschaft ist dies vollkommener Missbrauch. Die Esotronik nimmt sich diesem Konflikt an. Sie versucht mittels pataphysischer Erforschung diesen Gegensatz als identisch zu erklären.
Vergleicht man die Theorie der Seele von Platon, mit heutigen esoterischen Ansätzen, die Zugang zu universellem Wissen anpreisen, oder mit Religionen, die Orte im Jenseits predigen, scheint sich das Ganze auf einem ähnlichen Konstrukt aufzubauen. Wie ein alles übergreifendes Internet, zu dem wir nur bedingt Access haben, sich aber aus den Daten speist, die wir generieren.
Noch heute befassen sich Bereiche der angewandten Physik mit esoterischen Theorien. Nehmen wir zum Beispiel die Erforschung von feinstofflichen Energien. Mit modernsten Messgeräten werden feinstoffliche Energien im Vakuum berechnet, in der Absicht, die Unsterblichkeit des Menschen zu erforschen. Irgendwie haben sie es tatsächlich geschafft diese auch nachzuweisen. An dieser Stelle könnte man sich mit der Methodik in den Wissenschaften auseinandersetzten..
Liefert nun „grenzwertige“ Forschung gewisse empirisch nachweisbare, revolutionäre Resultate, werden diese problemlos in die Wissenschaft eingebunden und als gültig erklärt. So kann man zu der Hypothese kommen, dass Wissenschaft sowie Esoterik nur Glaubenskonstrukte sind. Wer kann denn wirklich nachweisen, dass seine Methoden der Realitätsberechnung die „richtigen“ sind? Ist unsere gemeinsame Realität, also die sogenannt vernünftige Betrachtung der Welt, nichts anderes als eine kollektive Übereinkunft von individuellen Realitäten? Die Esotronik Community sucht nach den andersartigen Schnittstellen, den unvernünftigen Realitäten.

Esotronic Media

Nach Dieter Mersch existieren Medien nur durch die Existenz der Alterität, dem Anderen, dem nicht Greifbaren. Sie überbrücken die Zwischenräume zwischen dem Hier und dem Dort. Dementsprechend wird diese Thematik in der Esoterik betrachtet, dort überbrücken Medien, die Grenze zwischen Realität und Alterität. Der einzige Unterschied -neben der Tatsachte, dass das Medium ein Mensch ist- ist die Wortwahl. In beiden Fällen gilt es die Schnittstelle zu bespielen, um das Andere zu beschreiben. Esotronik versucht alternative Medien zu schaffen, mit welchen Zwischenräume zwischen dem Anderen des Benutzers und dem der Maschine, überbrückt werden können.
Ein Grossteil der Menschen haben fast schon persönliche Beziehungen zu ihren Geräten. Läuft alles ungehindert ab, sind sie ihr Bindeglied zur Welt. Kommt es zu Interaktionsproblemen, seien es nun Interne(Maschine) oder Externe(Laune des Benutzers), bekommt die Maschine eine Art esoterische Aufladung. Das „Innere“ des Apparats erscheint einem plötzlich als teuflisches Wesen, welches sich gegen einen stellt. Sobald alles wieder einwandfrei läuft, mutiert es zurück zum Verbündeten.
Es scheinen also esotronische Wechselwirkungen zu existieren, wenn auch in einer eher unkontrollierten Form. Theoretisch gilt es nur noch diese Interaktion zu kontrollieren, um sie als Schnittstelle nutzen zu können. Die Umsetzung ist natürlich etwas komplexer, doch der zeitgenössische Glaube an Fortschritt und Technologie unterstützt die Idee.
Innert kürzester Zeit haben sich die unterschiedlichsten Technologien abgelöst und etabliert. Der Glaube an immer vermenschlichtere Technologien ist einfach zu vermitteln und zu vermarkten. Verschiedene utopische Konzepte aus der Filmgeschichte sind zu Realität geworden, sie veranlassen den Menschen an visionäre Konzepte zu glauben. Esotronik spielt mit damit, sie verführt dazu seine Realitäten zu hinterfragen, sie fördert technologische Kreativität und bietet utopischen Konzepten in eine flüchtige aber physische kollektive Realität.

Kollektive Visionen

Wo immer das Projekt „Esotronik“ zur Sprache kam, regte sie zu interessanten, tiefgründigen Diskussionen an. Jeder hat seine ganz individuelle Zugangsform zu dem, was er sich unter Esotronik vorstellt. Trotz der Vielfalt von Realitäten beruhen die Vorstellungen auf einem (mehr oder weniger) kollektiven Verständnis der Begriffsteile, also quasi einem gemeinsamen Nenner. Die Esotronik-Community hat sich im Laufe der Jahre steig vergrössert. Das heterogene Publikum, befasst sich auf verschiedenen Wegen mit der Thematik, sei es nun philosophisch, als Kritiker oder Entwickler. Seit kurzer Zeit existieren verschiedene Plattformen, welche den Visionen und deren Umsetzungen eine Oberfläche bieten, sowie den globalen Austausch, zur kollektiven Weiterentwicklung der Idee, ermöglichen. Es handelt sich dabei um analoge und digitale Kommunikationsplattformen, auf welche ich im nächsten Kapitel eingehen werde.
Die Esotronik-Community lässt darin flüchtige Räume entstehen, sie produziert kollektiv-utopische Räume in der Realität. Mit jedem Mitglied wächst ihr Horizont um ein kleines Universum.